»Die Tradition bin ich«


Gegen innerkirchlichen Widerstand erkämpfte Papst Pius IX. einst

das Dogma der Unfehlbarkeit. Johannes Paul II. spricht ihn selig


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VON GEORG DENZLER


 


Kein Heiliger, sondern ein abschreckendes Beispiel: Papst Pius IX. erklärte alle, die für die bürgerlichen Freiheiten eintraten, zu seinen Feinden. In der Kirche setzte er das Führerprinzip durch


Kaum eine Seligsprechung ist so umstritten wie die Papst Pius' IX., den Johannes Paul II. am kommenden Sonntag, dem 3. September 2000, kanonisieren, das heißt in das Verzeichnis der Seligen und Heiligen aufnehmen wird. Die katholischen Kirchenhistoriker im deutschen Sprachraum haben bei ihrer Vollversammlung am 13. Juni 2000 in Innsbruck eine Erklärung an den Papst verabschiedet, worin sie "erhebliche Bedenken" gegen die bevorstehende Seligsprechung vorbringen. Die Antwort aus dem Vatikan ist jedoch mehr als enttäuschend. Statt einer glaubwürdigen Argumentation gab Brunero Gerhardini, Mitglied der Kongregation für Heiligsprechungen, den Wissenschaftlern eine fromme Zurechtweisung: "Bei Historikern, zumal bei katholischen, hätte man mit gutem Grund ein kompetentes Wort, vereint mit dem ,sentire cum ecclesia’ ("denken im Sinne der Kirche"), erwarten dürfen. Stattdessen aber haben sie wieder einmal die abgedroschene Klage gegen den Syllabus (eine Sammlung von angeblichen Zeitirrtümern, die Pius IX. verdammte) wiederholt."


»Ich habe die Mutter Gottes auf meiner Seite«


Das "Diplom" eines Seligen oder Heiligen können Diener und Dienerinnen Gottes erlangen, "die dem Vorbild Christi besonders gefolgt sind und durch das Vergießen ihres Blutes oder durch heroische Tugendübung ein hervorragendes Zeugnis für das Himmelreich" abgelegt haben. Da Pius IX. kein Märtyrer war, bleibt nur zu prüfen, ob er als ein Bekenner gelten darf, der die göttlichen Tugenden - Glaube, Hoffnung und Liebe - ebenso wie die Haupttugenden - Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit, Mäßigkeit - "im heroischen Maß" gelebt hat.


Es steht fest, dass Giovanni Maria Mastai-Feretti im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt an epileptischen Anfällen zu leiden hatte. Weil aber eine Besserung eintrat, konnte der Theologiestudent nach dürftigen Studien 1819 die Priesterweihe empfangen, mit der Auflage, dass ihm bei der Feier der Messe stets ein Priester assistierte. Doch Don Giovanni wurde, wie spätere Vorfälle zeigen, von der Epilepsie nie ganz geheilt und neben anderen Krankheiten oft von Ohnmachtsanfällen heimgesucht.


Trotzdem machte er eine steile Karriere: Nach kurzer Tätigkeit als Auditor der päpstlichen Nuntiatur in Chile und anschließendem Wirken als Spiritual in römischen Hospizen erreichte ihn schon mit 35 Jahren die Ernennung zum Erzbischof von Spoleto und fünf Jahre danach der Ruf auf den Bischofsstuhl in Imola. In das Kollegium der Kardinäle nahm ihn 1840 Papst Gregor XVI. auf, dessen Nachfolger 1864 Bischof Mastai-Feretti als Pius IX. werden sollte.


Er war ein frommer Priester und ein eifriger Seelsorger, der sich wegen seiner großen Leutseligkeit allgemeiner Beliebtheit erfreute. Dies zeigte sich später am besten bei öffentlichen Audienzen, die er als Pius IX. häufiger als seine Vorgänger gewährte. Nicht zu übersehen freilich ist seine an Aberglauben grenzende Wundergläubigkeit. Von schwärmerischer Verehrung der Gottesmutter erfüllt, glaubte er, jedwede Anfeindungen getrost bestehen zu können nach der Devise: "Ich habe die Mutter Gottes auf meiner Seite; ich werde vorangehen." So verwundert es nicht, dass er 1854 die in der Tradition der Kirche stets umstrittene Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariens aus eigener Machtvollkommenheit zum Dogma erhoben hat. Bei Privataudienzen kam es gelegentlich zu höchst unwürdigen Szenen. Die Wutausbrüche des Papstes verrieten nicht nur eine unbeherrschte Natur, sondern auch ein hohes Maß an Gefühllosigkeit. Lieblosigkeiten, zum Beispiel verletzender Spott über Gebrechen anderer, kommen sogar in den Akten des Kanonisationsprozesses zur Sprache. Als Pius IX. dem neu ernannten Kardinal De Falloux den Kardinalshut aufsetzen musste, ging er so vor, dass dessen Perücke vor allen Anwesenden auf den Boden fiel.


In politischer Hinsicht erweckte Pius IX. zu Beginn seines einmalig langen Pontifikats den Eindruck eines liberalen Kirchenfürsten. Doch seine wahre Gesinnung zeigte sich bald, nachdem er vor den Revolutionären nach Gaeta geflohen und in Rom die Republik ausgerufen worden war. Seit 1850 wieder in Rom, führten Pius IX. und sein verschlagener Kardinalstaatssekretär Antonelli, der nicht einmal Priester war, ein Regime, das den Bürgern keinerlei politische Freiheit zugestand. Der schrumpfende Kirchenstaat konnte durch den Schutz französischer Truppen noch einige Jahre fortbestehen, bis er 1870 endgültig unterging. Pius IX. lehnte jedoch das vom neuen Königreich Italien angebotene Garantiegesetz für die Vatikanstadt ab und ließ sich vor aller Welt als "Gefangener des Vatikans" bemitleiden.


Den Katholiken Italiens untersagte der Papst jede aktive Teilnahme am politischen Leben des Staates. "Mögliche Lösungen der Probleme", urteilte der Löwener Kirchenhistoriker Roger Aubert, "überstiegen seine geistige Kapazität." In der berüchtigten Enzyklika "Quanta cura" von 1864 mahnte Pius IX. die Bischöfe in aller Welt, mit allem Nachdruck zu lehren, "dass die königliche Gewalt nicht allein zur Regierung der Welt, sondern vorzüglich zum Schutze der Kirche verliehen sei". In einer Ansprache bezeichnete er die Forderung "Die Kirche ist vom Staat, der Staat von der Kirche zu trennen" als einen schweren Irrtum.


Pius IX. kannte im Grunde nur zwei Hauptfeinde. Dies waren außerhalb der Kirche der säkulare Staat und innerkirchlich der katholische Liberalismus. Weil die modernen Staaten die seit der Französischen Revolution geforderten Menschenrechte zu respektieren suchten, stellten sie nach Meinung des Papstes eine große Gefahr für das ewige Heil der Gläubigen dar. In der genannten Enzyklika und im beigefügten "Syllabus errorum" verurteilte Pius IX. nicht nur philosophische Strömungen wie den Atheismus, Rationalismus und Naturalismus und politische Bewegungen wie den Sozialismus, sondern lehnte auch Meinungs-, Presse-, Gewissens- und Religionsfreiheit entschieden ab. Seine flammende Kampfansage galt der modernen Welt, weil er in ihr nur den Satan und gottlose Menschen am Werk sah.


Pius IX. huldigte einem Kirchenbegriff, der an die jahrhundertelang geglaubte Lehre von der allein selig machenden Kirche erinnert. Demnach konnten weder Atheisten noch Nichtchristen noch nichtkatholische Christen das ewige Heil erlangen. Bei der Einberufung des 1. Vatikanischen Konzils hielt der Papst die Protestanten und alle anderen Nichtkatholiken an, darüber nachzudenken, ob sie auf dem von Christus vorgeschriebenen Weg seien. Für sie könne es nur eine Entscheidung geben: Rückkehr zur katholischen Kirche.


Bei einem solchen Kirchenverständnis gab es auch für die Juden als Kinder des Alten Bundes keine Rettung. Wenn Pius IX. dem jüdischen Ghetto in Rom zu Beginn seiner Regierung einige Vergünstigungen zuteil werden ließ, so kehrte er doch schon 1850 zur alten Strenge zurück. Die Juden waren jetzt wieder gezwungen, im Ghetto am Tiber zu wohnen und wöchentlich eine christliche Predigt zu hören.


Weit über die jüdische Welt hinausgehende Empörung verursachte in Bologna der Fall des jüdischen Jungen Edgardo Mortara (1852-1940), den eine bei der Familie Mortara beschäftigte christliche Dienstmagd getauft hatte, weil sie der Meinung war, das kränkliche Baby werde bald sterben. Mehrere Jahre später erfuhr die Inquisition in Bologna, das noch zum Kirchenstaat gehörte, von dieser Nottaufe und berichtete den Vorfall nach Rom, woraufhin der inzwischen siebenjährige Edgardo mit Wissen des Papstes von der Polizei nach Rom entführt wurde und dort in kirchlichen Internaten aufwuchs. Pius IX. selbst adoptierte den Jungen, der bald die priesterliche Laufbahn einschlug. Beim Katholikentag in Würzburg (1893) rühmte sich der Priester Edgardo Pio Mortara - den Papstnamen hatte er inzwischen seinem Namen beigefügt - als "Schützling Pius' IX.", der "auf eine ganz besondere Weise" sein Vater geworden sei.


Gegner verspottete er als Verrückte


Am verhängnisvollsten zeigten sich die menschliche Starrheit und die theologische Enge Pius' IX. beim 1. Vatikanischen Konzil. Während des Konzils unterstützte Pius IX. offen die Partei der die Mehrheit bildenden ultramontanen Bischöfe und bereitete den so genannten progressiven Prälaten - immerhin ein Viertel aller Konzilsväter - nichts als Schwierigkeiten, weil sie gegen eine Unfehlbarkeit des Papstes opponierten, die nicht streng an Beweise aus Bibel und Tradition gebunden bleiben sollte. Liebenswürdig, wie Pius IX. erscheinen konnte, eigneten ihm doch auch despotische Züge. Dies wurde besonders deutlich bei den Konzilsdebatten über die päpstliche Unfehlbarkeit, die der Papst mit rücksichtsloser Entschlossenheit durchsetzte. Bischöfe, namentlich orientalische Patriarchen, die auf ihren Rechten und Privilegien beharrten, ließ er seinen Zorn offensichtlich spüren und behandelte sie wie persönliche Gegner, die er mit Schimpfwörtern wie "Verrückte", "Esel", "Verräter" und "Sektierer" bedachte.


Wenige Tage später musste Kardinal Guidi, Erzbischof von Florenz, bei Pius IX. antreten, weil er es in einer Konzilsversammlung gewagt hatte, die heftig diskutierte Unfehlbarkeit des Papstes an die vor allem im Zeugnis des Gesamtepiskopats gegenwärtige Tradition der kirchlichen Lehre zu knüpfen. Da schleuderte der Papst dem Kardinal vier Worte entgegen, die seine häretische Position bezeugen: "Die Tradition bin ich."


Ohne massiven Druck Pius' IX. wären die beiden Dogmen vom universalen Jurisdiktionsprimat (oberste Leitungsgewalt des Papstes in allen kirchlichen Fragen) und von der Unfehlbarkeit des Papstes sicher nicht zustande gekommen. Der Papst strafte die opponierenden Bischöfe mit Verachtung. Und nach dem Konzil arbeiteten Papst und Kurie mit Pressionen, um durchzusetzen, dass die noch zögernden Bischöfe und Theologen die neuen Dogmen für sich akzeptierten und in ihren Diözesen publizierten. Angesichts solcher Vorkommnisse fragt man zu Recht, ob diese Entscheidungen eines nicht ganz freien und wichtige Gegenargumente unterdrückenden Konzils überhaupt eine Verbindlichkeit im Gewissen beanspruchen können. Gewiss hat nicht das einhellige Glaubensbewusstsein der ganzen Kirche den Ton beim Konzilsgeschehen bestimmt.


Initiativen zur Heiligsprechung Pius' IX. gab es schon bald nach dessen Tod. Warum, so muss man fragen, gelangen sie unter dem jetzigen Papst an ihr Ziel? Die Antwort kann nur lauten: Weil Johannes Paul II. das theologische Programm Pius' IX., den Zentralismus der römischen Kurie und die neuen Vorrechte des Papstes, wie sie das 1. Vatikanum definiert hat, als allein bestimmend herausstellen will und damit das 2. Vatikanum mit seinen Lehren von der Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen und von der Kollegialität zwischen Papst und Bischöfen für bedeutungslos erklärt.


Wenn man die Kanonisierung Pius' IX. als Signal für die Kirche verstehen soll, kann es nur ein negatives sein. Diese Seligsprechung, befürchtet der Frankfurter Kirchenhistoriker Klaus Schatz, wird "als eine Desavouierung all jener Bekenntnisse wirken, die Papst Johannes Paul II. zu den Menschenrechten gegeben hat".


Der Berliner Prälat Robert Grosche hat schon 1933 formuliert, in welche Sackgasse die Kirche durch das 1. Vatikanische Konzil geriet: "Da (1870) nahm die Kirche auf der höheren Ebene jene geschichtliche Entscheidung voraus, die heute (1933) auf der politischen gefällt wird: für die Autorität und gegen die Diskussion, für den Papst und gegen die Souveränität des Konzils, für den Führer und gegen das Parlament." Weil die Papstdogmen dieses Konzils in der Person Pius' IX. selig gesprochen werden sollen, bleibt nichts anderes als lautstarker Protest: zum Segen der römisch-katholischen Kirche und aller anderen Kirchen.


Der Autor ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte




©DS - DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT, 1. September 2000 Nr. 35/2000